Karla

Karla nahmen wir für einige Monate auf. Mein Mann schrieb einen Artikel dazu, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

 

Das letzte Stück des Weges

Erfahrungen einer Pflegestelle von Stephan Borggreve

Da stand sie plötzlich neben meiner Frau im Flur unseres Hauses. Ganz ruhig, abwartend und in einem schlechten Zustand. Es war mal wieder ein Überraschungscoup meiner Frau, die ihr Herz gerne an Tiere verliert. Vor allem, wenn sie Hilfe brauchen. Und diese 12-jährige Schäferhündin brauchte wirklich Hilfe, denn gesundheitlich war sie schlecht zurecht. Viel zu dick, kurzatmig, das Fell verfilzt und seit langem nicht mehr gepflegt, fast schon blind und taub mit einer fortgeschrittenen Arthrose in den Gelenken.
Oh je, Oh je; waren meine ersten Gedanken. Was wird unser Familienmischlingsrüde davon halten? Und ich erst?
Da stand sie, ganz ruhig und abwartend, fast gelassen in sich ruhend. Karla war sie vom Tierheim genannt worden, später erfuhren wir ihren richtigen Namen. Unser Hund nahm sofort Kontakt auf und war begeistert! Karla war läufig und roch offenbar unwiderstehlich. Sofortige Begattungsversuche nahm sie gelassen zur Kenntnis, der Größenunterschied machte ein erfolgreiches Unterfangen unseres Hundes zunichte. Was ihn aber nicht sichtlich beeindruckte, denn er versuchte sein Glück wieder, bis er wohl bald lästig wurde. Eine kurze Ansage von Karla stellte die Situation klar, wieder in recht ruhiger Art.
Nach einer Inspektion des Hauses und Grundstücks und der Zuweisung eines bequemen Platzes akzeptierte Karla schnell ihr neues Zuhause. Es war eine ziemliche Umstellung für mich, einen Hund zu führen, der fast nichts sieht und ebenso schlecht hört. Eingreifen im wahrsten Sinn des Wortes war da gefragt und - Geduld. Etwas, durch das ich mich nicht wirklich auszeichne. War ich es gewohnt flott durch den Donauwald zu marschieren, musste ich Langsamkeit erlernen. Karla war so schlecht zurecht, dass an längere und flotte Spaziergänge gar nicht zu denken war. Ehrlich gesagt, glaubte ich nicht, dass sie noch viel Zeit auf dieser Erde zur Verfügung hätte. Trotzdem genoss Karla die Spaziergänge sichtlich. Ja, wir hatten den Eindruck´, als sei Karla zumindest schon sehr lange nicht mehr heraus gekommen. An jeder Ecke schnüffelte sie ausgiebig und erkundete so ihr neues Territorium.
Meine Frau nahm sich sofort der Gesundheit und Pflege von Karla an, stellte die Ernährung langsam um und behandelte sie nach den klassischen Prinzipien der Homöopathie. Intensive Fellpflege und vor allem Zuwendung taten ihr übriges. Ich konnte es eigentlich nicht wirklich glauben, wie sich dieser Hund in kleinen Schritten gesundheitlich verbesserte, eine schlanke Figur bekam. Dies wurde vor allem bei unseren gemeinsamen Spaziergängen deutlich, die immer länger und auch flotter wurden. Es mutete dann oft lustig an, wie Karla ungelenk und etwas tollpatschig ihrer Freude durch kurze Spielversuche Ausdruck verlieh. Es war einfach beglückend zu erleben, wie dieser Hund auflebte und mich jeden Tag erneut beeindruckte. Beeindruckte durch ihre ruhige, die Situation annehmende Haltung, durch den Ausdruck von Freude bei vielen selbstverständlichen Kleinigkeiten. Ich lernte viel von ihr in dieser Zeit. Geduld zu haben, kleine Schritte zu machen und das Schicksal zu nehmen wie es kommt, in Ruhe und Gelassenheit.
Als es dann im Sommer sehr warm wurde, machte ihr die Hitze dann sehr zu schaffen. Wir hatten zwar erleben dürfen, wie sich Karla immer besser fühlte, aber die Lebensuhr konnten wir letztlich nur um ein paar Monate verstellen. Sie erlitt eines Nachts einen Schlaganfall und konnte danach nicht mehr aufstehen. Am nächsten Tag, einem Montag, ich hatte Gott sei Dank frei genommen, ging es ihr immer schlechter. Sie konnte nichts aufnehmen und bei sich behalten. Nur noch etwas Wasser, was ich ihr mit einer Spritze ins Maul träufelte, vermochte sie zu sich zu nehmen. Meine Frau hatte über das Tierheim einen Tierarzttermin vereinbart, aber ich hatte große Bedenken, dass sie es bis dahin und den Transport nicht mehr schaffen würde. So saß ich bei ihr, streichelte sie und stellte mal wieder fest, in welcher Ruhe sie alles ertrug. Sie schien zu warten. Im Nachhinein bin ich sicher, sie wartete auf die mittägliche Rückkehr meiner Frau. Als sie kam, gab es eine kurze Begrüßung durch das Heben ihres Kopfes und sie genoss die Streicheleinheiten meiner Frau. Kurz darauf schlief sie für immer ein; wieder ganz ruhig.
Es war für mich ein tiefes Erlebnis, welches mir Karla durch die Monate ihrer Anwesenheit schenkte. Ein Erlebnis dass mich sehr dankbar gemacht hat. Noch heute erfasst mich diese ausgeglichene Gelassenheit, die Karla so zu Eigen war. Eine schöne Zeit, die ich nicht missen möchte.

 

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